Ein Psychiater auf Reisen. Albert Moll und der Orient.

Die Geschichte des Reisens, vor allem der Begegnung von Europäern mit dem Fremden, fasziniert mich schon lange. Ebenso die Medizingeschichte. Was liegt da also näher als sich reisenden Medizinern zu widmen?


Die Medizin teilte sich im 19. Jahrhundert mehr und mehr in verschiedene Spezialgebiete, weshalb Ärzte sich immer öfter auf Ausbildungsreisen begaben. Sie lernten dabei verschiedenste Institutionen, Mediziner und Behandlungsweisen kennen, die für ihr eigenes Fachgebiet von Bedeutung waren. Der Drang nach Fortschritt und neuen Erkenntnissen wurden im 19. Jahrhundert allgemein immer mehr mit reger Reisetätigkeit verknüpft.

Die Erlebnisse auf diesen Reisen wurden häufig niedergeschrieben, im Laufe des 19. Jahrhunderts immer häufiger in Form persönlicher Aufzeichnungen wie Tagebücher und Memoiren. Gängig waren aber auch Publikationen in Zeitschriften für ein Fachpublikem – in diese Kategorie fällt auch Albert Molls Bericht, um den es in diesem Artikel gehen soll.


Der aus Lissa in der Provinz Posen stammende Albert Moll wurde 1862 in eine jüdische Kaufmannsfamilie geboren. Er studierte Medizin in Deutschland und Polen und reiste bereits in jungen Jahren durch Europa, um bedeutende Ärzte kennenzulernen. Vor allem psychiatrische Kliniken standen dabei im Mittelpunkt seines Interesses. Moll betätigte sich in Berlin als Nervenarzt und wurde schließlich ein einflussreicher Psychotherapeut und Sexualforscher. Er gilt heute als einer der Begründer der modernen Sexualwissenschaft.

Neben der Sexualforschung beschäftigte er sich mit Psychotherapie und Hypnose und rivalisierte stark mit Sigmund Freud und Magnus Hirschfeld. Zu beiden pflegte er eine schwierige Beziehung, die von Kontroversen geprägt war und letzten Endes dazu führte, dass Moll Hirschfeld im Jahr 1934 denunzierte.

Vom Judentum hatte Moll sich zwar schon früh abgewandt und 1895 evangelisch taufen lassen, dennoch wurde ihm im Zuge des Nationalsozialismus 1938 seine Zulassung entzogen, obwohl er sich eindeutig zur Deutschen Vaterlandspartei bekannt hatte.

Moll starb unverheiratet und wohl kinderlos am 23. September 1939 in Berlin. Ironie des Schicksals: Sein Konkurrent Sigmund Freud starb am selben Tag in London.


Die Psychiatrie formte sich im 18. Jahrhundert als eigenes Fach aus. Bis dahin waren psychisch Kranke unter anderem von Geistlichen und Ärzten, die sich eigentlich auf physische Krankheiten spezialisiert hatten, betreut worden. Mit der Herausbildung der Psychiatrie wurde immer stärker gefordert, geistig Kranke nicht mehr wie Verbrecher festzuhalten und – wie es oft üblich war – einfach in Ketten zu legen, ohne ihnen eine Behandlung zukommen zu lassen.

Mit den Veränderungen, die darauf folgten, ging die Gründung zahlreicher Anstalten zur Versorgung psychisch Kranker einher.

Die unmenschliche Behandlung fand aber kein sofortiges Ende. Auch aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts liegen Berichte vor, in denen beschrieben wird, wie „Irre“ von ihrer eigenen Familie in Ställen und Kellern festgekettet wurden, wo sie unter menschenunwürdigen Bedingungen leben mussten. In der öffentlichen Meinung des 19. Jahrhunderts wurden psychisch Kranke allen Neuerungen in der Medizin zum Trotz nach wie vor häufig als gefährlich und nicht mit Vernunft ausgestattet betrachtet.

Allerdings kam es unter Medizinern verstärkt zu Diskussionen über die passende Versorgung und Unterbringung psychiatrischer Patienten. Sehr viele Psychiater besuchten in diesem Zusammenhang den niederländischen Ort Gheel, wo es üblich war, dass psychisch Kranke innerhalb ihrer Familie gepflegt wurden.


Philippe Pinel gilt als jener Arzt, der die psychisch Kranken von der Zwangsbehandlung befreite.

In islamischen Ländern wurden Kranke generell bis weit in das 19. Jahrhundert traditionell vor allem innerhalb der eigenen Familie versorgt. Die frühen Hospitäler betreuten vor allem jene, bei denen das nicht möglich war. Klassisch islamisch ausgelegt konnte die Geisteskrankheit nicht nur ein Zeichen dafür sein, dass der Kranke von bösen Mächten besessen war, sondern im positiven Sinne auch dafür, dass Gott seinen treuen Diener durch die Krankheit von weiteren Diensten befreite.


Albert Moll schildert in seinem zweiteiligen Artikel im Feuilleton der Deutschen Medizinischen Wochenschrift vom 21. Februar 1895 und vom 7. März 1895 seine Orientreise, während jener er verschiedene Anstalten zur Betreuung von psychisch Kranken besuchte. Mit seiner Veröffentlichung in dieser Zeitschrift wandte Moll sich ausdrücklich an medizinisch gebildete Leser. Vorab sei angemerkt, dass viele Aussagen Molls dem gängigen europäischen Bild des Orients im 19. Jahrhundert entsprechen. Sie sind daher keinesfalls wertend, sondern aus dem Kontext seiner Zeit heraus zu verstehen.

Auch der Begriff Orient ist hier nicht im heutigen Sinne zu verstehen. Moll zählt dazu nicht nur Ägypten und Palästina, sondern auch die Türkei, Griechenland, Bulgarien, Serbien und Rumänien. Das Osmanische Reich erstreckte sich zu diesem Zeitpunkt noch bis auf den Balkan.


Im Allgemeinen äußert Moll sich lobend über die ägyptischen Krankenhäuser, in die seiner Meinung nach wesentlich mehr Geld investiert wird als in jene Deutschlands. Auch die psychiatrische Anstalt in Kairo, bei der es sich zu diesem Zeitpunkt um die einzige in Ägypten handelt, fällt ihm positiv auf. Auch wenn sie in seinen Augen an manchen Stellen renovierungsbedürftig erscheint, so sei sie doch sauber und zweckmäßig.

Für Kleinasien konstatiert er eine schlechtere Lage. Häuser zur Behandlung von psychisch Kranken seien dort kaum vorhanden, auch das Reisen zwischen den größeren Städten nehme relativ viel Zeit in Anspruch, da das wichtigste Beförderungsmittel nach wie vor das Pferd sei. Angesichts der Tatsache, dass im Jahr 1891 allein in den deutschsprachigen Gebieten Europas 202 öffentliche und 200 private Anstalten zur Behandlung psychisch Kranker gezählt werden können, wird klar, dass der Unterschied für Moll enorm gewesen sein muss.


Albert Moll liefert eine ausführliche Beschreibung der Anstalt in Kairo, in der sich zum Zeitpunkt seines Besuches 406 Patienten aufhielten. Um diese Größenordnung in eine Relation zu setzen, sei gesagt, dass die Anzahl der Betten in frühen Anstalten um 1800 maximal ein paar Dutzend bis etwa hundert betrug, was sich während des 19. Jahrhunderts drastisch steigerte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verfügte beispielsweise das Hanwell Asylum in London über 2600 Betten.

Die Patienten in Kairo werden von drei Ärzten betreut. Die Fachspezialisierung ist in Ägypten weniger ausgeprägt als Moll es aus Deutschland kennt, Psychiater müssen aufgrund der großen Entfernung zu anderen Krankenhäusern auch physische Krankheiten behandeln. Sofern zwei von der Regierung angestellte Ärzte bescheinigen, dass die Aufnahme in einer Anstalt notwendig ist, kann ein Patient dorthin überwiesen werden. Daraufhin werden die Vermögensverhältnisse ermittelt – wohlhabende Patienten müssen selbst für ihre Behandlung aufkommen, ärmere werden in drei Klassen unterteilt und von der Regierung unterstützt.

Als vorkommende Krankheiten nennt Moll die progressive Paralyse (eine fortschreitende Lähmung, ausgelöst von unbehandelter oder nicht ausgeheilter Syphilis), die Melancholie, die Paranoia, die Epilepsie, die Tobsucht und die Syphilis, die in Ägypten recht häufig zu sein scheint. Die Nymphomanie komme lediglich in oberen Gesellschaftsschichten vor. Viele Symptome würden auf den Konsum von Haschisch zurückgeführt werden, was Albert Moll jedoch kritisch sieht; er zweifelt dies teilweise an. Alkohol sei als Ursache aufgrund der muslimischen Religion weit weniger verbreitet und auch die Masturbation komme hier weit seltener vor als in Kulturkreisen mit heller Hautfarbe.


Zur Behandlung der Patienten gibt Albert Moll an, dass er diese als „durchaus human“ einschätzt, meint jedoch auch, dass man sich darüber nach derart wenigen Besuchen im Grunde kein Urteil bilden dürfe. Nach Angabe des Arztes würden Wärter – 53 Wärter sind hier angestellt –, die einen Kranken schlagen, sofort entlassen. Im Allgemeinen würden die Ärzte sehr gut für ihre Patienten sorgen. Ansonsten bezeichnet Moll die Medikamente und Behandlungsmethoden, auf die er nicht näher eingeht, als ähnlich wie jene in Mitteleuropa. Auch die Erfolge seien ähnlich.

Die Räume sind unterschiedlich groß. Neben den üblichen Betten seien für Epileptiker Schlafstellen auf dem Boden vorhanden, ebenso wie Isolationszellen für Tobsüchtige und Badeeinrichtungen sowie Duschen. Entsprechend seines eigenen Fachgebietes kommt Albert Moll auch auf Versuche zur Hypnose zu sprechen, die hier zwar durchgeführt würden, aber nur selten erfolgreich seien.

Bei all den positiven Bemerkungen über die Anstalt in Kairo bringt Albert Moll aber auch Kritik an und nennt dabei vor allem, dass die Patienten zu wenig Beschäftigung hätten; sie könnten zur Abwechslung höchstens mit den Wärtern Karten spielen.


Eine Besonderheit des Orients sieht Moll in der Behandlung von psychisch Kranken in griechisch-orthodoxen Klöstern. Sie sollen vor allem in jenen Klöstern behandelt werden, die dem Heiligen Georg geweiht sind Moll weist darauf hin, dass dies aber auch an anderen Orten geschieht und relativ weit verbreitet zu sein scheint.

Hier sind keine behördlichen Genehmigungen nötig, um Kranke einzuweisen; sie werden teilweise gar als schädlich betrachtet, da sie das Göttliche entweihen würden. Es werden nicht nur Christen aufgenommen, sondern auch Juden und Muslime, aber nicht mehr als zwei Personen zur gleichen Zeit. Die Behandlung besteht darin, dass der Kranke im Kloster in Ketten gelegt und durch Gebete geheilt wird. Der Aufenthalt der Patienten im Kloster kann sich von weniger als einer Woche bis hin zu einem ganzen Jahr erstrecken und Misshandlungen und Schläge scheinen hier keine Seltenheit zu sein, denn entsprechende Nachfragen von Molls Seite wurden bejaht.

Moll äußert sich dazu nur knapp, denn „da aber meine Zeit nicht ausreichte, war es mir nicht möglich, Nachforschungen zu halten, die ja auch einen grossen Nutzen nicht gehabt hätten“ und somit besuchte er keinen der angeblich Geheilten. Im Kloster selbst waren zum Zeitpunkt seines Besuchs keine Patienten anwesend. An den angewandten Methoden zweifelt er anscheinend ohnehin, denn er schreibt dazu:


„Was die Heilungen betrifft, so wird es selbstverständlich kaum bestritten werden, dass die Geisteskrankheiten in der Kirche mitunter zurückgehen. Geisteskrankheiten heilen in ihrem natürlichen Verlauf oft ganz ebenso wie ein Typhus oder ein Schnupfen.“


Molls Urteil für die Anstalt in Magnesia im Westen der heutigen Türkei fällt weniger positiv aus als für jene in Kairo. Die Patienten befinden sich hier in vergitterten Zimmern, die rund um einen Hof angeordnet sind. Während seines Besuches hielten sich 51 Patienten in der Anstalt auf, die sich zum größten Teil in dem wenig gepflegten Hof befanden und nicht in den kleinen Zimmern, die über je vier bis sieben Betten verfügten. Insgesamt beschreibt Moll die Anstalt als primitiv und die Behandlung der Kranken als wenig menschlich; sie würden zwar nach Auskunft des Wärters nicht geschlagen, teilweise aber gefesselt werden. Badeeinrichtungen gibt es nicht, lediglich eine Dusche, die nur im Sommer genutzt wird.

Neben drei Wärtern und einem Oberwärter wird die Anstalt von zwei Ärzten betreut, von denen jeweils nur einer anwesend ist. Treffen konnte Moll keinen der beiden. Der Aufenthalt für die Patienten ist hier kostenlos, da es sich um eine öffentliche Anstalt handelt, die vom Staat betrieben wird.


In Konstantinopel besuchte Albert Moll zwei Anstalten, gibt aber an, dass es in der Stadt auch noch kleinere gäbe. Eine der großen Anstalten wird staatlich geführt und befindet sich im asiatischen Teil der Stadt, in Skutari, in einer ehemaligen Kaserne. Sie wird von Dr. Castro-Bey geleitet, der laut Moll sehr hilfsbereit und zuvorkommend ist.

Moll beschreibt diese Anstalt als sehr sauber, Bäder und eine gut gesicherte Apotheke seien vorhanden. Die Patienten werden wie in Kairo in verschiedene Klassen aufgeteilt und haben unterschiedlich hohe Beiträge zu entrichten. Die ärmste Klasse wird unentgeltlich versorgt. Die Aufnahme erfolgt auf behördliche Anweisung. Zu Molls Besuch befanden sich 297 Personen in der Anstalt, zahlreiche Patienten seien jedoch aufgrund der letzten Choleraepidemie gestorben. Die Cholera trat im 19. Jahrhundert in den hier besprochenen Gebieten immer wieder auf, da sie häufig von heimkehrenden Mekka-Pilgern mitgebracht wurde. Aus Angst vor der Krankheit entstanden im Zuge mehrerer Hygienekonferenzen Bemühungen, durch höhere Sicherheitsvorkehrungen und Quarantänestationen die immer wieder ausbrechende Cholera am Vordringen nach Europa zu hindern.


Außer Dr. Castro-Bey sind vier weitere Ärzte und zahlreiche Wärter angestellt – auf sechs Kranke kommt ein Wärter. Nach Castro-Beys Aussage seien die Geisteskrankheiten mit ruhigem Charakter in der Türkei wesentlich weiter verbreitet als jene mit unruhigem, was mit dem angeborenen ruhigen Wesen der Türken zusammenhänge. Aufgrund des fehlenden Alkoholkonsums kommen Castro-Beys Meinung nach unter Türken weniger psychische Krankheiten vor als unter Europäern. Für die Frauen nennt er als Begründung die Tatsache, dass sie ihre Zeit hauptsächlich im Harem verbringen und nicht wie europäische Frauen den Aufregungen des Gesellschaftslebens ausgesetzt seien. Moll folgt darin der gängigen Ansicht, dass der allgemeine Fortschritt, die modernen Lebensgewohnheiten und die steigende Schnelligkeit des Alltags eine Zunahme der Nervosität nach sich ziehen würden. Er merkt dazu jedoch an, er habe vom Leibarzt des Sultans gehört, dass türkische Frauen gerade aufgrund ihres Nichtstuns zur Nervosität neigen.

Die Behandlung beschreibt Moll auch hier als jener in Europa sehr ähnlich, obwohl kaum Beschäftigungsmöglichkeiten gegeben seien.


Auch in Griechenland besuchte Moll eine private Anstalt in der Nähe von Athen sowie eine öffentliche auf Korfu. Die Anstalt, in der sich zur Zeit von Molls Besuch 95 Patienten befanden, macht auf ihn einen guten Eindruck, positiv hebt er die Beschäftigungsmöglichkeiten der Patienten, beispielsweise durch Billardzimmer, hervor.

Auch hier werden die Kranken in Klassen aufgeteilt, nach denen sich bemisst, was bezahlt werden muss. Auch die Zahl der Wärter variiert hier je nach Klasse, in der ersten Klasse verfügt jeder Patient über einen eigenen Wärter. In Hinblick auf die vorkommenden Krankheiten gibt Moll an, dass sich diese nicht von jenen in Mitteleuropa unterscheiden würden, auch die Betreuung sei sehr ähnlich.

Die öffentliche Anstalt Griechenlands ist auf Korfu nur schwer erreichbar, was Moll dementsprechend kritisiert. Er traf bei seinem Besuch 174 Patienten an, konnte jedoch keinen Arzt sprechen. Auch hier werden die Patienten nach ihrem Vermögen in drei Klassen aufgeteilt, wobei etwa ein Drittel nichts zu bezahlen hat.

Die Anstalt besteht aus einem alten und einem neuen Teil. Den neuen Teil beschreibt Moll durchwegs positiv, während der alte weniger sauber sei. Die Zimmer sind unterschiedlich groß und beinhalten drei bis sechzehn Betten. Sanitäreinrichtungen sind ebenso vorhanden wie etwas Ackerland, das von den Patienten bearbeitet wird. Sonntags sorgt ein Geistlicher für den Gottesdienst. Hier kommt zwar nur ein Wärter auf zehn bis zwölf Kranke, doch viele Patienten helfen beispielsweise in der Küche mit. Für Beschäftigung ist hier also besser gesorgt als in manch anderen Anstalten.


Im Allgemeinen zeichnet Moll für die einzelnen Anstalten zwar ein unterschiedliches Bild, das nicht frei von Kritik ist, er spricht jedoch großes Lob für das Engagement und die Hilfsbereitschaft der behandelnden Ärzte aus.

Nach diesen Stationen plante Albert Moll, Einrichtungen in Bulgarien, Serbien und Rumänien zu besuchen, was jedoch aus verschiedenen Gründen nicht gelang.


Insgesamt behandelt Albert Moll in seinem Reisebericht hauptsächlich die Anstalten an sich, ihre Einrichtung und ihr Personal. Auf einzelne Krankheitsfälle kommt er nur in wenigen Ausnahmen und sehr knapp zu sprechen. Für ihn scheint vor allem ein Überblick über die Einrichtungen von Wert gewesen zu sein, nicht die einzelnen Patientengeschichten.

Es findet sich bei Moll ein Blick auf das Fremde, der in Reiseberichten aus europäischer Sicht häufig auftaucht. Vorurteile, wie auch Moll sie hegte, wurden auf Reisen nicht immer relativiert, sondern konnten genauso gut verstärkt und weitergetragen werden. Diesbezüglich stellt sich die Frage, ob Moll tatsächlich alles berichtet oder ob er seine vorgefertigte Meinung – bewusst oder unbewusst – bestätigt und nur das wiedergibt, was in sein Bild des Orients passt. Aus Albert Molls Sichtweise auf den Orient lässt sich sehr gut herauslesen, was für ihn als Mitteleuropäer normal und üblich war und inwiefern sich die Kulturkreise unterschieden. Auffällig ist hierbei, dass für ihn zwar manches fremd erscheint, er die Behandlungsmethoden und -erfolge jedoch im Großen und Ganzen als jenen in Europa sehr ähnlich beschreibt.

Literaturauswahl:

  • Müller Thomas, Reisende Psychiater. Zum Transfer medizinischen Wissens zwischen europäischen Ärzten im späten 19. Jahrhundert. In: Arnd Bauerkämpfer / Hans Erich Bödeker / Bernhard Struck (Hgg.), Die Welt erfahren. Reisen als kulturelle Begegnung von 1780 bis heute. Frankfurt am Main 2004, 265-292.

  • Neid Theresa, Ärzte und Naturwissenschaftler auf Reisen. Reiseberichte aus der Deutschen Medizinischen Wochenschrift und der Münchener Medizinischen Wochenschrift 1890–1930. Ungedr. med. Diss. Halle-Wittenberg 2013.

  • Schlicht Alfred, Die Araber und Europa. 2000 Jahre gemeinsamer Geschichte. Stuttgart 2008.

  • Shorter Edward, Geschichte der Psychiatrie. Berlin 1999.

  • Zimmermann Harro, Irrenanstalten, Zuchthäuser und Gefängnisse. In: Hermann Bausinger / Klaus Beyrer / Gottfried Korff (Hgg.), Reisekultur. Von der Pilgerfahrt zum modernen Tourismus. München 1991, 207-213.

Albert Molls Reiseberichte sind hier zu finden:

Albert Moll, Irrenanstalten des Orients. In: Deutsche Medicinische Wochenschrift 8 (1895), 133-135.

Albert Moll, Irrenanstalten des Orients. In: Deutsche Medicinische Wochenschrift 10 (1895), 162-165.

Web-Tipp:

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